Von der Freude eine Eule zu erwischen

Ein Beitrag von Sven Büngener

Auf dem Weg der eigenen künstlerischen Arbeit kommt man unweigerlich an den Punkt, an dem man erkennen muss, dass Inspiration und Gefallen zwei unterschiedliche Dinge sind. Dinge, die mir gefallen müssen noch lange nicht inspirierend sein und Dinge, die mich inspirieren, müssen mir nicht zwangsläufig gefallen. Aber was ist das: Inspiration? Ich definiere es als äußeren Reiz, der in mir eine künstlerische Reaktion auszulösen vermag.

 

Ja, ein bestimmtes Motiv kann in mir den Wunsch wecken, es malerisch oder zeichnerisch zu interpretieren. Ständig auf der Suche nach dem tollen Motiv zu sein, kann jedoch schnell ermüden und auch frustrieren.

 Kann ich ohne geeignetes Motiv/ Vorlage nicht arbeiten, bin ich aufgeschmissen.

Was machen jedoch diejenigen anders, die ohne ersichtlichen äußeren Anlass in der Lage sind, einfach loszulegen?

Das Geheimnis liegt darin begründet, dass man mit ein wenig Übung in der Lage ist, sich von allem, jedem noch so kleinen Detail inspirieren zu lassen: Die unendliche Formensprache der Natur, die Konstruktion technischer Objekte, Lichtphänomene, Oberflächen, sogar Geräusche und Gerüche. Und nicht zuletzt das Material selber, mit dem ich arbeite.

Die wunderschöne Linie meines Stiftes, die sich durch Geschwindigkeit und Druck beim Zeichnen unendlich variieren lässt. Die Art und Weise, wie sich meine Farbe auf dem Untergrund verteilen lässt: Dick und deckend, ein Relief bildend oder wässrig, transparente Pfützen bildend, die langsam trocknen und so schöne scharfe, farbintensive Ränder bilden. Der Malgrund, dessen Oberfläche sich beim Arbeiten mit einbringt…

Diese Fähigkeit, überall Inspiration finden zu können ist kein Hexenwerk. Man kann sie trainieren.

 

Der Zeichendialog

Eines der schönsten und auf diesem Weg lohnendsten Übungen nenne ich Zeichendialog.

Solche Dialoge habe ich bereits mehrfach mit verschiedenen befreundeten Künstlern geführt und immer wunderschöne, spannende Bereicherungen meiner Ausdrucksmöglichkeiten erfahren dürfen.

Die Regeln (und ich bin großer Fan von künstlerischen Spiel-Regeln) waren dabei immer gleich: Man einigt sich auf eine Anzahl Arbeiten, die jeder ins Rennen schickt, spricht das Format und die Ausrichtung ab, eventuell trifft man weitere Vereinbarungen, jedoch nicht zwingend. Dann geht es los. In meinem Fall startete jeder mit fünf Blättern. Auf diesen ist alles erlaubt, was man mag: Zeichnung, Malerei, Collage, figürlich, gegenständlich oder abstrakt.

Diese fünf Arbeiten werden per Post zum Dialogpartner geschickt. Eine sinnvolle Beschriftung der Arbeiten auf der Rückseite macht die Zuordnung und die spätere, sehr spannende Sortierung möglich.

Vielleicht habe ich mit meinem Partner noch verabredet, bis wann die nächsten Arbeiten verschickt sein sollten. Bekomme ich jetzt die Blätter meines Partners, ist es an mir, eine Antwort zu finden. Dazu lasse ich mich von seinen Blättern inspirieren. Ich nehme irgendeinen Aspekt seiner Arbeit, der mir einen Anknüpfpunkt bietet und lege los. Es kann eine Variation des Motivs sein, vielleicht in einer anderen Farbigkeit oder Technik. Vielleicht mag mich seine Technik inspirieren, ich wähle jedoch ein völlig anderes Motiv. Die Farbigkeit, die Komposition, selbst einzelne Linien können ausreichen, zu beginnen. Erscheint mir in einer Arbeit nichts so richtig inspirierend, kann ich ja versuchen, genau das Gegenteil zu machen…

 

Diese Zeichendialoge haben mir bisher so viel geschenkt, dass ich auf diesem Wege meinen bisherigen Dialogpartnern danken möchte.

Ich habe übrigens nie meine eigenen Blätter fotografiert, so dass ich erst mit zeitlichem Abstand bei einem Treffen mit meinem Partner die ganze Evolutionslinie verfolgen konnte. Oft wusste ich bei den Antworten also schon nicht mehr, auf welche Arbeit von mir sich dieses oder jenes Blatt bezieht.

Obwohl mit der heutigen Technik selbstverständlich eine digitale Versendung der Bilder viel komfortabler erschiene, so würde ich jedoch dringend zur analogen Variante per Post raten. Es geht nichts über diesen Moment, voller Vorfreude einen Briefumschlag mit Originalzeichnungen in der Hand zu halten und diese feierlich zu öffnen. Sich beim Betrachten der Blätter zu überlegen, wie eine Antwort wohl aussehen wird. Und wie sollte eine bestimmte Materialität mich auch inspirieren, wenn ich statt der sinnlich wahrnehmbaren Oberfläche der Originalarbeit nur eine flache, der Größe meines Bildschirms angepasste Reproduktion vor Augen habe. Nicht zu vergessen die Spannung, nach einer gewissen Zeit auch die eigenen Arbeiten zum ersten mal wieder zu sehen.

Ich kann es nur empfehlen: Sucht Euch einen Partner und legt los. Nicht zuletzt auch in Zeiten einer verordneten Kontaktsperre eine wunderschöne Möglichkeit, in Verbindung zu bleiben und gleichzeitig seine Kunst zu entwickeln. Viel Spaß  dabei.

 

Sven Büngener,  Künstler und Dozent

Zu den Seminaren von Sven Büngener

 

PS. Und was hat das jetzt mit Eulen zu tun? Ähnlich wie diese wundervollen Nachtvögel ist die Inspiration ein scheues Wesen. Das ständige Geplapper des inneren Kritikers (Ich kann das nicht… Mir fällt nichts ein… Wozu überhaupt… Der andere findet das bestimmt doof…) verscheucht die Inspiration ebenso zuverlässig wie meine Stimme im Wald die Eule.

Werdet still und zeichnet.