Thomas: Transformation und Metamorphose

Ein Beitrag von Siglinde Osang

In den glühend heißen Glasgewächshäusern der Alanus-Hochschule konnte ich Thomas  zum ersten Mal als Lehrer erleben. Es war ein unglaublich heißer Sommer 1992, in der Sommerakademie in Alfter. Keine der Teilnehmer:innen lies die Pinsel fallen und legte sich in den Schatten, wir malten und experimentierten ohne Pause und warteten abends gespannt auf die legendären Bildbesprechungen mit Thomas. Seine Besprechungen waren stets besonders, er erfasste seine Schüler:innen in ihrer ganzen Persönlichkeit  sehr genau und mit respektvoller Achtsamkeit, er drängte niemandem einen oder seinen Stil auf.

Er war schon in den 1990er Jahren ein junger hingebungsvoller Lehrer, der uns motivierte, die Kunst in all ihren Facetten auszuprobieren, zu experimentieren und bei sich zu bleiben, die Kunst auch als persönliche Grenzerfahrung wahrzunehmen.  Mit dieser Auffassung begleitete er auch mich viele Jahre auf meinem künstlerischen Weg in vielen Seminaren und Kunstreisen (Alanus, Pomona, Mallorca, im Rudolf-Steiner-Haus, in der Brunnenstrasse in Roisdorf, im Artefact)  Seine Wertschätzung, die er allen Schüler:innen entgegen brachte, war immer spürbar. 

Er hat mich im wahrsten Sinne des Wortes „sehen“ gelernt, immer genau hinzuschauen, nach außen und – vor allem  – auch nach innen. Outputorientierung war nicht sein Thema, sondern die innere Erfahrung jedes Einzelnen und jeder Einzelnen durch die Kunst. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Haltung in vielen Seminaren und Begegnungen erfahren durfte. Unterricht bei Thomas war immer auch Persönlichkeitsentwicklung.

Als er Mitte der 90er Jahre seine gläseren Kompostkästen im Atelier in Roisdorf aufbaute und die langsame Transformation und Zersetzung von Obst, Gemüse und Blumen in einem großformatigen Bild festhielt, machte ich zum ersten Mal die Erfahrung des Loslassens in der Kunst. Denn er übermalte immer wieder das ursprünglich farbige Bild, bis ein fast durchweg dunkles, braunes Bild entstand. Ein Bild, dessen Inhalt zu Erde geworden war.  Sein Ziel war nicht ein „schönes“ Bild, sondern die Beobachtung und Erfahrung der Transformation. Bis zum Schluss.

In einem Heft für den Jahreskurs „Experiment Malerei“ (1994) hat Thomas einen Text verfasst, der zeigt, wie er seinen Lehrauftrag definierte:

„15 unterschiedliche Persönlichkeiten (mich selbst eingeschlossen), unzählige Fragen, Konfrontationen, Auseinandersetzungen und viele verschiedene Ansätze. Oft ein Chaos an Farben, Zeichnungen, aber auch an Gedanken, Gefühlen. Grenzsituationen – Grenzüberschreitungen, Verzweiflungen und Freuden – all das schafft Raum und Atmosphäre, in dem der künstlerische Prozess lebt!“     

 Ein wunderbar nachhaltig wirkender Lehrer.

 

Sieglinde Osang

September 2021