Richtig oder Falsch?

Ein Beitrag von Volker Altrichter

"Wer nicht auf seine Weise denkt, denkt überhaupt nicht."

Oscar Wilde

 

Es gibt Fragen, die einen auf dem Weg der Malerei richtig weiterbringen können - besonders dann, wenn man deren grandiose Unsinnigkeit versteht.

Die Frage nach „richtig oder falsch“ gehört sicherlich dazu.

Es erscheint durchaus nachvollziehbar und logisch, dass engagierte TeilnehmerInnen in Malerei- und Zeichenseminaren nach handfesten Beurteilungskriterien für ihre Arbeit suchen.

Und selbstverständlich werden die  bewährten Bewertungsmuster aus dem alltäglichen Leben erwartet.

Ein oft gebrauchtes Folterinstrument aus Schule und Beruf ist die schmerzhafte Einteilung in „richtig und falsch“,  „schön und hässlich“ oder „gut und schlecht“.

Warum ist das so, wenn doch sicherlich jeder halbwegs verständige Mensch erkennen müsste, dass solche Gegensatzpaare für die Kunst höchst fragwürdig sind?

Wenn es ein Richtig und ein Falsch in der Malerei gäbe, dann müsste ja irgendwer die Normen dafür festgelegt haben. Ein besonderer Hüter der wahren Kunst?  Ein Oberpriester des anspruchsvollen Bildes?  Ein Übermeister der richtigen Form und der gelungenen Komposition?

Und wo wohnt dieser Zensor? Vermutlich hat er sich in den meisten Köpfen und Herzen eingenistet und quält die Kunstschaffenden  während ihrer aufrichtigen Bemühungen um den eigenen Ausdruck und künstlerische Originalität.

Warum schalten wir diesen üblen Folterknecht in unserem Kopf nicht ab, samt seinem nervigen Geplapper und konzentrieren uns stattdessen auf unsere Bilder?

 

Schon früh werden solche Gegensatzpaare in die Köpfe der Heranwachsenden implantiert, bis derart undifferenzierte Sichtweisen als authentische Teile der eigenen Persönlichkeit  akzeptiert werden.

Das Auflösen von antrainierten Beurteilungskriterien wie „gut und böse“ oder „richtig und falsch“,  erzeugt bei vielen Menschen  ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und Angst.

Sie empfinden diesen Kontrollverlust beim Malen als bedrohlich und suchen vermeintliche Sicherheit in Regeln und klaren Wegweisern.

Bedauerlich ist nur, dass diese Richtlinien nicht die eigenen sind, sondern von außen übernommen werden.  Solche Gebote, Anleitungen und Theorien sind letztlich ungeeignet  für eine künstlerische Entfaltung. Sie führen geradewegs in Abhängigkeit und Stagnation.

Die Gegensatzpaare sind Rettungsinseln und fester Anker. Wo sie verschwimmen und zerbröseln gibt es keinen Zensor mehr  - dort beginnt die (künstlerische) Freiheit.

Das Atelier der Kunst sollte genau dieses Labor der Freiheit sein, wo es „erlaubt“ ist die Kontrolle zu verlieren, die eingebrannten Normen aufzubrechen und sich der engen geistigen und gesellschaftlichen Korsette zu entledigen.

Es kann quer, diagonal, rauf, runter, falsch und verstörend gedacht und gefühlt werden.

Alle Furchtsamen aber dürfen entspannt bleiben: Man muss nicht alle engen Vorstellungen auf einmal über den Haufen werfen!

Ein seriöser und erfahrener DozentIn wird unterstützend Schritt für Schritt versuchen eine aufrichtige Begleitung zu sein, auf dem Weg ins Ungewisse, in die terra incognita der Kunst, wo es weder richtig noch falsch gibt und wo Tiere und Pflanzen gedeihen, für die es noch keinen Namen gibt.

In der Praxis der Malereivermittlung sollte der Kursleiter keine Gesetze sondern lediglich temporäre Spielregeln für ein Bild oder ein Thema aufstellen. Diese dürfen sich immer wieder ändern und niemals absolut sein. Sie sind nur Hilfen, um jeden Teilnehmer eine Zeit lang über Wasser zu halten. Dauerhafte Lösungen sind sie nicht, weil es solche nicht gibt.

In der alltäglichen Bildbesprechung sind die vorgenannten Gegensatzpaare jedoch völlig bedeutungslos.

Da gibt es wichtigere und zugleich spannendere Fragen, die gestellt werden können und müssen.

Zu Beispiel nach der Wirkung des Bildes, nach der Farbatmosphäre, nach kompositorischen Elementen, nach inhaltlichen Aussagen, nach Authentizität, nach gesellschaftlicher Relevanz und künstlerischen Methoden.

Diese Fragen werten nicht sondern bieten die Möglichkeit,  das Bild  mit Worten zu beschreiben und über diesen Weg ein Bewusstsein für malerische Prozesse zu schaffen.

Also verderben Sie sich nicht den unendlichen Spaß am Bildermachen. Es ist nur ein herrliches Spiel. Manchmal gibt es Spielregeln – kein Problem, wenn sie nicht zu Fesseln werden. Die besten Spielregeln sind aber die, die sie selber aufstellen und von Zeit zu Zeit wieder ändern.

Glauben Sie nicht jeden Unsinn, der Ihnen von den „Experten“ erzählt wird. Das meiste ist nur eine winzige Möglichkeit in den unendlichen Weiten der künstlerischen Ausdrucksformen. Lassen Sie sich nicht verzwergen, sondern erweitern Sie ihre Möglichkeiten. Bleiben Sie aufmerksam, misstrauisch und offen zugleich.

Volker Altrichter ist Dozent im arte fact Bonn

 

Volker Altrichter, Künstler und Dozent

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