Interview mit Thomas Egelkamp

Thomas Egelkamp der Mitbegründer des arte fact gibt uns im folgenden Interview einen Einblick in seine künstlerische Arbeit. Dabei wird deutlich, dass er zwischen der Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst und der Kunstvermittlung viele Zusammenhänge sieht. Von einem Spagat will er dabei nicht sprechen. Eher von einer gegenseitigen Bereicherung.

 

Frage: Was interessiert dich in der Kunst? Was sind deine Intentionen, Ideen und aus welchen Quellen schöpfst du deine Arbeiten?

Meine Kunst ist in erster Linie sehr biografisch. Das heißt sie entspringt aus einer Vielzahl sehr persönlicher Wahrnehmungen, Begegnungen und Erfahrungen, die ich täglich mache. Sei es in und mit Naturerscheinungen oder mit meinen Träumen und Vorstellungen. Viele Motive entspringen aus einem Wechselspiel von inneren und äußeren Bildern.

Meine Arbeiten geben mir sehr unmittelbar, ja fast gnadenlos, einen Einblick in die Realität, in der ich mich ständig bewege. Gleichzeitig stellen sie mich vor einem großen Rätsel. Diese Spannung von „sichtbar machen“ und „verbergen“ ist immer beim künstlerischen Arbeiten anwesend. In einer gewissen Weise ist das der Motor der mich treibt.

Neben der Materialität der Dinge (z.B. Steine) fasziniert mich die ambivalente Wirkung von Objekten auf unsere Wahrnehmung. Die Festigkeit und Schwere des Materials trifft auf eine Leichtigkeit und Energie, die sich nicht im ersten Augenblick der Wahrnehmung zeigt, sondern erst in der tieferen Beschäftigung mit Phänomenen und Qualitäten des Materials. Themen wie „Zeit und Raum“ erschließen sich mir eher durch das Tun als über das rationale Denken. So erlebe ich den künstlerischen Prozess als ein ständiges „entwerfen und verwerfen“ von Wirklichkeit. In meiner Kunst geht es nicht in erster Linie darum verständliche Bilder und Interpretationen zu entwickeln, sondern Möglichkeiten für den Betrachter zu schaffen, Fragen zu stellen. Dieser Vorgang der Exploration erinnert mich an ein kindliches Experimentieren das Erstaunen wachruft, wo sich Unerwartetes zeigt und die Logik unseres Verstandes an Grenzen kommt. In gewisser Weise ist mein künstlerisches Arbeiten vergleichbar mit einem forschenden Ansatz eines Wissenschaftlers. Nur mit dem Unterschied, dass es in erster Linie dabei nicht um eine objektive Bestimmung und Erkenntnis geht, sondern um eine sehr subjektive Betrachtung und Erkenntnissicherung die stärker auf Erfahrungen aufbaut.

 

 

Frage: Wie ordnest du deine Kunst ein? Gibt es einen Zeitbezug? Wie steht deine Arbeit im Kontext zur heutigen Kunstentwicklung? 

Für mich ist Kunst immer zeitbezogen. Selbst dann, wenn die Kunst etwas aus einer anderen Epoche wiederholt und kopiert. Diese Diskussion über die Innovation und Einmaligkeit erlebe ich in einer Zeit die wir gerne als Postpostmoderne bezeichnen als überholt. Ich erlebe diesen Druck, den viele Künstler heute erleben besonders einmalig und unverwechselbar zu sein als echte Bremse für das künstlerische Arbeiten. Ich konzentriere mich auf das was in mir an Bildern und Ideen zur Verfügung steht. Ich gehe mit offenen Sinnen durch diese Zeit, beobachte, forsche und entdecke, experimentiere und reflektiere, spiele mit den Erscheinungen, die sich oft intuitiv zeigen und beschäftige mich primär mit meinen eigenen Erlebnissen und Begegnungen, die ich in diesem Zeitraum im hier und jetzt mache. Alles andere wäre konstruiert und nicht wirklich authentisch beziehungsweise identisch.

 

Frage: Wenn du nicht bildnerisch arbeiten würdest, was würdest du tun? Was interessiert dich außerhalb der bildenden Kunst? 

Ich lebe gerne in und mit der Natur. Ich liebe das Durchstreifen von Wäldern und Landschaften. Hier erlebe ich eine große Ruhe und gleichzeitig eine ständige Inspiration. Die physische Arbeit in der Natur, sei es das Umgraben eines Stück Bodens oder das Setzen von Pflanzen befriedigt mich sehr. In einer gewissen Weise ist das Arbeiten in der Natur auch ein bildnerischer Prozess. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Per Kirkeby der seinen malerischen Prozess mit dem Wachsen und Vergehen von Naturprozessen vergleicht und dabei seine künstlerische Arbeit als einen Schöpfungsvorgang beschreibt. Außerdem begleitet mich schon seit vielen Jahren das Schreiben. Auch dieser Prozess ist vergleichbar mit dem Malen eines Bildes. Narrationen entwerfen und verwerfen Bilder sowie umgekehrt. Jedes Wort besitzt dabei seine eigene Palette an Farbenuancen und Interpretationsmöglichkeiten. Im Grunde hängen die Dinge viel enger zusammen und durchdringen sich gegenseitig. Wesentlich ist die Haltung die ich als Mensch und Künstler zur Welt einnehme. Das Material ist dabei eher sekundär. Primär ist der Prozess des schöpferischen Gestaltens.

 

 

Frage: Nenne mir einen Grund mit der eigenen Kunst aufzuhören! Gäbe es einen Grund und wenn nicht, was macht die Kunst so „unabdingbar - so unaufhörlich “? 

Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Ich finde sie für mich persönlich überflüssig. Vergleichbar mit der Frage „Was wäre wenn....?“ Das was ich tue entspringt meiner persönlichen Intention und Wirklichkeit und ist daher immer unaufhörlich anwesend. Da gibt es keinen Kompromiss.

 

Frage: Wie bekommst Du den „Spagat“ zwischen eigener künstlerischer Arbeit und Vermittlung von Kunst in Form deiner Unterrichtstätigkeit hin? Gibt es eine gegenseitige Beeinflussung? 

Der Begriff „Spagat“ gefällt mir nicht. Ein „Spagat“ (lateinisch = Spalten) geht von einem dualistischen Weltbild aus, das eher trennt als etwas in Beziehung zu setzen. Ich begreife die gegensätzlichen Handlungen eher als etwas dialektisches und damit als komplementär steigernd. Meine eigene Atelierarbeit hat oft etwas sehr Zurückgezogenes und Kontemplatives. Hier schöpfe ich aus inneren Bildern, Fantasien und Erfahrungen. Die Kunstvermittelnde Arbeit erlebe ich als einen ständigen Diskurs der aus Beobachten, Moderieren und Dialogisieren besteht. Dabei ist das Medium nicht das eigene Kunst schaffen, sondern die künstlerischen Prozesse die andere im Atelier vollziehen. Dieser Gegensatz von Extension und Intension, von Selbstauseinandersetzung und der empathischen Auseinandersetzung mit den anderen hat mein Leben immer sehr bereichert und inspiriert. Daher würde ich sagen, dass sich beide Komponenten bedingen und sich gegenseitig ergänzen. Nach einer intensiven Auseinandersetzung im eigenen Atelier finde ich dann den Dialog mit Teilnehmern/ innen und Studenten/ innen erfrischend und bereichernd. Wichtig ist ein gutes Gleichgewicht hinzubekommen. Das ist nicht immer einfach.

 

Frage: Wenn du selbst noch einmal Unterricht nehmen würdest, bei welchen bekannten Künstler/Inn würdest du studieren wollen? 

Ich würde weniger die Auseinandersetzung mit einem einzelnen Künstler suchen, sondern eher in einem Künstlerkollektiv mich weiter fortbilden. Ich denke dabei an das Raumlabor von Olafur Eliasson in Berlin, indem viele auch junge Künstler gemeinsam an künstlerischen Projekten und Fragestellungen arbeiten. Auch das erscheint mir wie eine Renaissance der Moderne zu sein, ähnlich wie damals in den Künstlerwerkstätten Italiens. Nur mit dem Unterschied, dass es dabei heute nicht primär um das Handwerk geht, sondern um einen offenen und partizipativen Dialog von Künstlern auch mit Wissenschaftlern und Menschen, die ihre zentralen Lebensfragen in die Kunst mit einbringen wollen. Ich denke dabei auch an die art factory von Andy Warhol in den 70er Jahren in New York. Ich glaube, dass in dieser interdisziplinären und transdisziplinären Arbeitsweise etwas Herausforderndes für die Zukunft liegt. Ein Aufbrechen der Egoismen und isolierten Disziplinen, um bewegliche und transformative Strukturen und Systeme zu kreieren.

 

 

 

Link zu Vita und weiteren Arbeiten von Thomas Egelkamp

 

Homepage: www.thomas-egelkamp.de

 

Hinweis: Die Galerie Raum für Kunst und Natur zeigt vom 5. – 13. Juni 2021 Arbeiten von Thomas Egelkamp

 

Homepage: www.raum-fuer-kunst-und-natur.de