Improvisation und Intervention im künstlerischen Prozess

Ein Beitrag von Thomas Egelkamp

In diesem dritten Text zum Thema „Intuitives Handeln in der Kunst, “den Thomas Egelkamp für den Newsletter schreibt, geht es in erster Linie um spielerische Methoden aus den Bereichen Improvisation und Intervention. Beide Handlungsvorgänge sind elementare Bestandteile künstlerischer Praxis. Sie fordern vom Künstler/ von der Künstlerin wie vom Rezipienten viel Aufmerksamkeit und Bereitschaft für den Prozess. In der Improvisation wie in der Intervention geschehen Gestaltungs- und Wahrnehmungsabläufe oft spontan und unvorhersehbar.

 

Intuitives Handeln wird in den meisten Fällen in unerwarteten und plötzlichen Situationen von uns gefordert. Da, wo die Zeit für eine überlegte Reaktion nicht gegeben ist, entscheidet die Intuition. Dabei erscheinen Aktion und Reaktion wie eine Einheit, wie ein Konglomerat, das sich aus verschiedensten Faktoren zusammensetzt, die sich im Nachhinein oft als inkompatibel herausstellen. Die Logik der intuitiven Entscheidung ist dabei vergleichbar mit dem Selbstverständnis einer gelungenen musikalischen Improvisation. Erst im freien Zusammenspiel der verschiedensten Faktoren ohne Anleitung durch eine festgelegte Partitur ergibt sich die spontane Komposition. Sie ist situativ und dialogisch und nicht wiederholbar. So wie die Musiker/ innen aufmerksam aufeinander reagieren und interagieren, entwickelt sich durch die Improvisation ein ‚Spielraum‘, in dem die einzelnen Musiker/innen mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen performativ und dialogisch das Musikstück gestalten. Damit dieses Zusammenspiel gelingt und sich weiter entwickeln kann, ist es notwendig, immer wieder zu intervenieren. Das geschieht in erster Linie durch spontane und überraschende Eingaben. Interventionen beflügeln das Spiel, da sie immer wieder für neue Inspirationen und Herausforderungen sorgen. Zugleich fordern sie von allen Mitspielern/ innen eine erhöhte Wachheit und Reaktionsfähigkeit. Im Spannungsfeld zwischen konstruierenden und destruierenden Spielweisen werden ständig neue Lösungen gefunden.

 

Was in der Musik zum Beispiel im Jazz oder auch im Improvisationstheater eine eigenständige Kunstform gefunden hat, ist in der bildenden Kunst fest im gestalterischen Prozess integriert. So ist jeder Malprozess in erster Linie ein individueller Entscheidungsvorgang, der sich aus improvisierten und interventionistischen Handlungen ergibt. Wo setze ich das Motiv ins Bild? Wie koloriere ich das Motiv? Eher in blau oder in Rot? Was ist, wenn ich zu dem Motiv ein weiteres fremdes Motiv setze? Wo ergibt sich eine Spannung? Was geschieht, wenn ich das Motiv einfach umdrehe und abstrahiere?  Welche Variationen stehen mir zur Verfügung? Dient eine Schüttung oder eine Übermalung der weiteren Gestaltung im Bild? Was ist, wenn ich dadurch das gesamte bisherige Ergebnis riskiere? Verliere oder gewinne ich?

 

„Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendwas stehen, was wir nicht gleich restlos erklären können“ Christoph Schlingensief

 

In diesen offenen Moment des Unerklärlichen liegt immer etwas prozesshaftes, oder wie Picasso es immer wieder für sein eigenes Schaffen formuliert – „sich findendes“.

Es zeigt sich immer wieder, dass es nicht eine Lösung oder Interpretation gibt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten der Gestaltung – eine Komplexität von Handlungsentscheidungen, die wir auch in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen kennen. Sobald wir über die vielen Möglichkeiten nachdenken, erscheint uns die Komplexität als kompliziert und verwirrend. Wir sind unfähig zu handeln und zu entscheiden. Was wir immer wieder benötigen, um in der Komplexität die Klarheit der Entscheidung zu finden, ist der Mut loszulassen, um dann im Moment des ‚Fallens‘ so viel Vertrauen zu entwickeln aufgefangen zu werden. Ungewöhnliche und überraschende Schritte zu wagen bedeutet in der Kunst immer auch die Bereitschaft in eine Krise zu geraten und auch zu scheitern. Aber genau das unterscheidet den künstlerischen Prozess von einem routinierten und mechanistischen Vorgehen. Das experimentelle und spielerische Vermögen gewinnt an Qualität und Reichtum, wenn der Künstler/ in bereit ist immer wieder zu improvisieren und sich durch selbstgesetzte Intervention zu überraschen.

Das, was uns auffängt, ist unser Selbstvertrauen in unsere eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit. Diese Selbstsicherheit des Handelns ist in erster Linie durch ein ständiges Improvisieren, Experimentieren und Intervenieren gewährleistet. Konditionierte Verhaltensmuster sind zuallererst feste Konstruktionen, die uns nicht selten eine falsche Sicherheit vermitteln. Entscheidend ist die performative Beweglichkeit von Konstruktionen. Erst dann können sich situativ und intuitiv die ‚richtigen‘ Entscheidungen finden.

Üben, üben und immer wieder üben.

Nur durch das ständige Ausprobieren und Experimentieren mit meinen künstlerischen Mitteln erlange ich einen größeren Gestaltungsraum. Dabei ist es wichtig, dass ich immer wieder bereit bin das „Bild zu erfinden“. Nicht in erster Linie, um besonders innovativ zu sein, sondern aus dem Grund beweglich und spielerisch zu werden. Sei es im Umgang mit den künstlerischen Methoden und Techniken, oder in der vielschichtigen Erfahrung der gestalterischen Mittel. Mich selbst immer wieder beim künstlerischen Arbeiten zu überraschen verlangt in erster Linie Mut und Bereitschaft von gewohnten Mustern loszulassen.

Wenn es mir allein schwerfällt zu improvisieren oder zu intervenieren, gebe ich mein Bild einer, von außenkommender Intervention frei. Eine gute Übung für das Loslassen und überrascht werden ist zum Beispiel die Bitte und Aufforderung das eine Kommilitonin in mein Bild malt.

So wie in der Musik und im Theater das miteinander agieren und aufeinander reagieren zu außergewöhnlichen künstlerischen Ergebnissen führt, kann das gemeinsame dialogische malen (am besten nonverbal!) eine gute Übung darstellen unerwartete Bildlösungen zu finden.

Andy Warhol und Jean- Michel Basquiat schufen 1984/85 eine Serie von über 130 sogenannten Kollaborationen. Sie arbeiten abwechselnd auf derselben Leinwand. Es ist bemerkenswert wie lebendig und künstlerisch hochwertig die gemalten Bilder wirken.

 

Eine andere Form improvisieren zu üben, ist das farbige Variieren eines Bildes. Dabei versuche ich ein Motiv immer wieder anders farbig zu gestalten. Es geht darum jede farbige Lösung bildnerisch festzuhalten. Das kann in Form von verschiedenen Bildern geschehen, wo ich immer wieder das Grundmotiv anders koloriere und anschließend als Bildserie vergleiche. Oder ich übermale ständig das Motiv mit neuen Farben und halte die Zwischenstadien fotografisch fest.

Sehr inspirierend sind die malerischen Variationen die Alexej von Jawlensky während der Kriegsjahre in der Schweiz aus seinem Fenster malte.

 

Weitere Inspirationen und Literaturtipps zum Thema

 

Die Künstlerin Cindy Sherman transformiert in ihren Fotografien immer wieder ihren eigenen Körper. Ihre unzähligen Variationen sind ein gutes Beispiel für den spielerischen Umgang mit Improvisation und Intervention im künstlerischen Prozess.

 

In einigen Aufsätzen und Vorträgen beschreibt Wassily Kandinsky die Kunst der Improvisation im Bereich der Bildkompositionen. Viele seiner abstrakten Bilder bezeichnet er auch als Improvisationen. Sammlung von Texten: Essays über Kunst und Künstler Herausgeber Max Bill Verlag Benteli

 

 

 

Thomas Egelkamp, Dozent und Künstler