FICTIO Auszug aus der Eröffnungsrede von Julia Krings

10 unterschiedliche künstlerische Positionen stellen unter dem Thema „Fictio“ in der Fabrik 45 aus. Die sehr heterogene Ausstellung stellt 3 grundsätzliche Fragen, die Malerei mit Fiktion, Phantasie, und Sinnlichkeit verbinden.

  1. 1.    Ist Malerei per se nicht immer Fiktion und Schein?

Selbst, wenn sie naturalistisch und figurativ ist – immer begleitet sie der Vorwurf, dass sie höchstens nachahmt, nicht jedoch „wahr“ ist. […] Platon schreibt in seiner Abhandlung über den Staat, dass (nachahmende) Kunst eine Lüge ist – wahre Kunst müsse, ebenso wie die Wissenschaft, nicht die Natur und ihre Phänomene, sondern das Wesen der Natur, die Idee hinter den Dingen erfassen und darstellen. Erst, wenn sie neben der Natur ein „eigenes Reich sinnlicher Gebilde“ hervorbringe, sei sie wahre Kunst. […] „Nur“ nachahmend sind die Werke der Absolvent*innen des Abschlussjahres des Projektstudiums der artefact-Werkstatt für Kunst e.V. nicht – manche verbinden Figuratives mit Surrealem, andere arbeiten gegenstandslos, wiederum andere bringen biographische Elemente ein. Abstraktion, Gegenstandslosigkeit, Figuration, Komposition, Farbe, Tiere und der Blick aus dem Bild auf den Betrachter - alle künstlerischen Positionen zeigen sehr unterschiedliche Auffassungen der gestellten Aufgabe, sich mit Fiktion zu beschäftigen. Und gleichsam stellt sich die Frage, ob nicht auch etwas hinter den Dingen, zwischen den Einsen und Nullen unserer strukturierten und geordneten Welt präsentiert wird, das dann auch wiederum alle künstlerischen Positionen in diesem Raum verbindet?

  1. 2.    Hängen hier Modelle – ganz im Sinne Platons -  verschiedener Wirklichkeiten?

Oder sind die Werke als Modelle entwickelt, um sie einer Wirklichkeit voraus zu werfen? Wer formatiert hier was? Formatiert unsere Realität die Werke oder ist es umgekehrt? Formuliert Fiktion in der Malerei ein Modell für Realitäten?

Im weitesten Sinne sind die Werke Zeichen- und Interpretationskonstrukte, die sich als Re- und Neukonstruktionen zentraler Aspekte von bekannten Objekten, Prozessen und Systemen aus der Natur bedienen. Die Szenarien sind textil, räumlich, surreal, abstrakt – sie zweifeln genauso an unseren Welt- und Selbstverhältnissen wie sie neue Ideen dazu anbieten. Die gestaltete Vielfalt an sinnhaften Lebenszusammenhängen, die von Wissen, Orientierung und Handlungen, aber auch von Wünschen, Träumen, Erfahrungen und Sehnsüchten geprägt sind, finden sich in jedem einzelnen Werk. Damit organisiert sich Malerei in unsere Vorstellungen, mischt sich auf positive Weise in die Art unseres Welt- und Wirklichkeitsverständnisses ein.

  1. 3.    Können unsere Sinne für uns eine eigene Welt und eigene Wirklichkeit organisieren?

Ist des Einen Wirklichkeit und Realität eine andere als die des Anderen? Und was ist dann eine allgemeingültige Wahrheit für alle und existiert so etwas überhaupt? Wir leben in einer schnelllebigen, umbrüchigen Zeit, in der der Begriff Fakenews einen eigenen Eintrag im Duden erhalten hat, Facebook und Co. verschiedene Varianten davon definierten, unter anderem Desinformationen oder falsche Informationen, wir mit VR-Brillen durch Ausstellungen wandeln und Social-Bots mit uns in Flirtforen online chatten und Wahlen manipulieren. Was ist also noch „echt“? An was können wir uns festhalten und uns orientieren, wenn wir nichts, keiner Nachricht, keinem Bild mehr trauen können? […] Kunst ist ein Glaubenssystem und eine kulturelle, sich immer wieder neu konstituierende Vereinbarung.  Springt man über Platons „die Malerei ist eine Lüge“ in das 21. Jahrhundert, in das Hier und Jetzt, gesellt sich zu dem alten Spiel von Irrealiät und Realität, Wahrheit, Wirklichkeit und Täuschung noch ein neuer Faktor der Fiktion: Ende letzten Jahres, wurde ein Bild bei Christie‘s in New York für eine knappe halbe Million Dollar versteigert. Urheber war eine künstliche Intelligenz. Die Debatte wurde sehr hitzig geführt und verschlug sich auf verschiedendste Diskussionsfelder. Was ist Kunst? Wer ist ihr Urheber? Und muss nicht der Urheber wenigstens „echt“ sein? Letztlich ging es um ein Getäuscht-sein, und darum um das Gefühl betrogen zu werden, in einem Portrait (von einem menschlichen Maler) eine (Lebens-)Geschichte zu wähnen... Bei vielen Versuchen Kunst zu definieren und für sich zu verstehen, steht das menschliche Erleben und Empfinden im Zentrum.

Doch: wandelt sich die Welt, verändern sich auch Definitionen.

Die Frage nach dem Warum und worüber regte man sich so auf?, scheint erst einmal ketzerisch. Doch: Wenn man von einem Werk affiziert ist, ist es dann nicht egal, ob es eine künstliche Intelligenz, ein Algorithmus, ein mechanischer Apparat oder… ein Mensch erschaffen hat?  Was wird von einem Kunstwerk erwartet? Will man als Betrachter nicht auch in eine Täuschung, in eine andere Welt als die bekannte eintauchen, um daraus Fragen, neue Ideen, Anregungen für sich und seine Weltverhandlung ziehen zu können? […] Bei einer Diskussion über ein Kunstwerk, dessen Barth’sches puntcum nur einem der Diskutanten zufiel, war das Beste für den Einen die Begeisterung des Anderen. Letztlich ist nur wichtig, dass Werke das überhaupt können: Begeistern, Emotionen wecken, für einen kurzen oder längeren Augenblick einen Dialog entstehen lassen. Dabei ist nicht wichtig, ob und wie sehr etwas echt, real, fiktiv oder illusorisch ist. Teilen Sie Ihre Momente, Ideen und Erfahrungen mit und vor den Bildern – heute, hier, an diesem Abend, in dieser Realität, mit uns allen. Dann sind sie hier und jetzt, die Bilder. Und echt.

Julia Maria Krings M.A.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn