Die Sight Size Methode - Ein Interview mit unserer neuen Dozentin Bianka Mieskes

„Nichts was uns alltäglicher – nichts was uns fremder wäre. All unserem gesammelten Wissen zum Trotz, bleibt der Körper ein Mysterium“, schreibt Bianka Mieskes in einem Text über Ihre Körperskulpturen. Die Fragilität in ihren Arbeiten zeugt von einem sensiblen und tiefen Verständnis für die Ambivalenz des Lebens. Dabei scheint es Ihr als Künstlerin weniger darum zu gehen, Erklärungen und eindeutige Bestimmungen zu formulieren, sondern vielmehr forschend zu hinterfragen.

Wir fragen Sie, was Ihre künstlerischen Intensionen sind und was Sie in Ihrem Portrait-Seminar als „Sight Size Methode“ versteht.

Frage : Bianka, wenn man Deine vielfältigen Arbeiten anschaut könnte man denken, dass Du Dich immer wieder neu künstlerisch „erfindest“. Was ist das zentrale Thema Deiner Kunst? Gibt es einen „roten Faden“?

In meiner Künstlerischen Arbeit gibt es zwei rote Fäden, die sich teilweise ineinander verflechten. Der erste rote Faden ist figürliche Plastik im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation. Der zweite rote Faden ist Kunst im Kontext sozial brisanter Fragen. Ich kann das gern an jeweils zwei Beispielen verdeutlichen:

In meiner figürlichen Arbeit KörperGebilde (2014) beschäftige ich mich mit verschiedenen Auffassungen von Körper, Figur und Abstraktion. Mich fasziniert am menschlichen Körper die Ambivalenz von alltäglich und geheimnisvoll, von vertraut und fremd. Viele natürliche, körperliche Prozesse wie Schwangerschaft, Geburt, Wachstum, Altern und Tod führen uns schnell an die Grenzen des Erklärbaren. Der deutsche Philosoph Hermann Schmitz schreibt sehr passend: "Leib, der als intimst zugehörig, jedem Menschen vertraut, aber begrifflich in seiner Eigenart fast jedem Menschen fremd wie eine Märchenwelt ist".

In dem Projekt Modelos 2016 geht es um das Verhältnis von Körper und Konsum, Körperkult und Schönheitsideal - der Körper als Objekt. Schöne Körper werden benutzt um alle nur erdenklichen Dinge zu verkaufen. Der Körper wird von vielen Menschen als formbare Masse angesehen: Diäten, Sport, Fitness, Schönheitschirurgie...der idealisierte Körper als Schönheitssymbol. Als Sinnbild für sozialen Erfolg, Glück und Perfektion.

Der Übergang zum themenbezogenen Arbeiten im Kontext sozial brisanter Fragen ist fließend.  Das Projekt Modelos ist ein Nebenprodukt des internationalen Projektes Not Welcome mit Ausstellung in Brasilien, das ich in Kooperation mit Prof. Ton Matton von der UFG Österreich initiiert und geleitet habe.  Es geht um unterschiedliche Aspekte von Willkommenskultur in Deutschland, Österreich und Brasilien.  2016 strömen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland und lösen neben einer großen Welle an Hilfsbereitschaft auch viel Unsicherheit aus. Brasilien ist stolz ein Einwanderungsland zu sein. Die menschliche Wärme steht jedoch im krassen Kontrast zu den hohen Mauern mit Stacheldraht, die in vielen Orten Brasiliens das Stadtbild prägen. Im Hintergrund werden Thesen des deutschen Soziologen Ulrich Beck diskutiert, der angesichts der weltweit immer weiter aufklaffenden Schere zwischen Arm und Reich eine "Brasilianisierung der Welt " prophezeit. Dazu entstand 2016 eine Ausstellung auf zwei Etagen im Museum Sobrado Dr. José Lourenco in Fortaleza, Brasilien. 

In dem Projekt fragil- die dünne Haut der Zivilisation,  das ich 2017 in Kooperation mit Prof. Yiftah Peled von der UFES geleitet habe, geht es um den Polizeistreik in Vitória, Brasilien bei dem in drei Wochen fast 200 Menschen starben. Aufgrund des brisanten Themas beteiligten sich fast 60 Studenten an dem internationalen Projekt, mit Ausstellung in der Galeria GAP in Vitória, Brasilien.  Die brasilianischen Studenten berichteten was sie in dieser Zeit erlebt hatten. Es war Ausnahmezustand weil die die Polizei nicht arbeitete. Wochenlang traute sich aus Angst niemand vor die Türe.

Skulptur von Bianka Mieskes

Frage: Du arbeitest sehr international und auch sehr interdisziplinar. Wie wichtig ist für Dich der Austausch mit Künstlern anderer Länder und Kulturen. Welche Schnittmengen siehst Du zwischen Kunst und Gesellschaft, Kunst und Wissenschaft?

Ein Blick über den nationalen Tellerrand hinaus ist immer inspirierend und bedeutet eine Erweiterung des persönlichen Horizonts. Für mich persönlich ist eine internationale, interdisziplinäre Zusammenarbeit immer sehr spannend. Im Dialog mit anderen Kulturen und Disziplinen können wir viel lernen. In die internationalen Kooperationen bin ich aufgrund meines internationalen Werdegangs hineingewachsen. Da ich unter anderem länger in Italien, Spanien und Brasilien studiert und gearbeitet habe, verfüge ich über viele interessante Kontakte in alle Welt.

Kunst und Wissenschaft bilden ein facettenreiches Spannungsfeld für einen Dialog, der für beide Seiten inspirierend und bereichernd sein kann. Eine Auseinandersetzung mit der Philosophie inspiriert meine künstlerische Arbeit. Mein nächstes Projekt 2018 plane ich interdisziplinär  und international in Kooperation mit Prof. Axel Föller Mancini (Bildungswissenschaften, Alanus Hochschule) und Prof. Bernd Fichtner (Pädagogik, Universität Siegen) sowie der McKenzie Universität in Sao Paulo. Es geht um das CEU Projekt in einer Favela in Sao Paulo, Brasilien

Frage: Neben Deiner freikünstlerisch bildhauerischen Arbeiten gibt es immer wieder Kunst vermittelnde Projekte, die Du in Deinem Werkverzeichnis aufführst. Gibt es eine unmittelbare Beziehung zwischen diesen beiden künstlerischen Ansätzen?

Ja, ich liebe die Arbeit mit Kunst und Menschen. Bei den großen, internationalen, interdisziplinären Projekten arbeite ich auch selber künstlerisch und entwickle, neben der Leitung des Projektes und dem Kuratieren der Ausstellung, eine eigene künstlerische Position.

Frage: in Deinem Portrait-Seminar im arte fact stellst Du eine künstlerische Methode vor. Was verbirgt sich hinter der „Sight Size Methode“?

Die Sight Size Methode habe ich in Florenz gelernt. Es war mein Traum zu lernen wie man Portraits wie Rodin oder Michelangelo modelliert und aus Stein arbeitet. Deswegen hat mich mein Weg nach meiner Steinbildhauer Ausbildung - unterstützt von vier verschieden Stipendien - nach Italien geführt. Die Sight Size Methode hat ihre Wurzeln in der italienischen Renaissance und eignet sich hervorragend für naturgetreue Darstellungen.  Im Grunde ist die Sight Size Methode eine Schule des Sehens, die sowohl für Zeichnung und Malerei, als auch für Plastik und Skulptur angewendet werden kann. Mit dieser Methode kann jeder Schritt für Schritt lernen ein wirklich gutes Portrait zu modellieren.

Frage: Am Ende die zentrale Frage die wir immer wieder gerne an Kollegen/ innen stellen: würdest Du gerne noch einmal etwas Mit welchem Künstler/ in würdest Du gerne eine Zeitlang Dein Atelier teilen? Von wem lernen bzw. Dich inspirieren lassen? 

Spontan fällt mir der kubanische Künstler René Francisco ein, dessen Assistentin ich 2013 für einige Monate war. René ist eine äußerst inspirierende Künstlerpersönlichkeit mit der ich gerne wieder zusammenarbeiten würde. Auch mit Lynn Krol, die ich aus den Charles Cecil Studios kenne, wo ich die Sight Size Methode gelernt habe, würde ich gerne wieder zusammen arbeiten. Von Lynn Krol würde ich gerne die Portrait Malerei nach der Sight Size Methode lernen. Da ich in meinem Leben in vielen verschiedenen Ländern gelebt habe, möchte ich gern an bestehende Kontakte anknüpfen - zu Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Da gibt es viele - und es werden immer mehr ;-)

Danke für das Gespräch.

Vielen Dank für die Einladung.

Bianka Mieskes wird innerhalb unserer neuen Seminarreihe „Klassiker“ Portrait-Modellieren anbieten. Weitere Informationen erhalten Sie unter:

Vita
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