Die Fantasie als Quelle Intuitiven Handelns

Ein Beitrag von Thomas Egelkamp

Intuition bekommt gerade in dieser außergewöhnlichen Zeit der „Corona Pandemie“ eine besondere Bedeutung. Viele unserer gewohnten Handlungsabläufe funktionieren nicht mehr so wie gewohnt. Dabei ist unser „Bauchgefühl“ oft zielführender als das lange darüber nachdenken was nun richtig ist und welches Handeln sinnvoll erscheint. In diesem zweiten Teil einer Betrachtung über das Thema Intuition geht es um die möglichen Voraussetzungen für ein intuitives Empfinden und Entscheiden in der künstlerischen Arbeit. Ein Beitrag von Thomas Egelkamp.

 

“Dass ich selbst während des Malens die Bedeutung meiner Bilder nicht verstehe, heißt nicht, dass diese Bilder keine Bedeutung haben. Im Gegenteil, sie haben eine so tiefe, komplexe, zusammenhängende, ungewollte Bedeutung, dass sie sich der einfachen Analyse einer logischen Intuition entziehen.“

 

Was Salvador Dali beschreibt, verweist auf eine Logik im künstlerischen Arbeitsprozess, die nicht aus dem Verstand seine Legitimation nimmt, sondern aus einer tieferen oft unbewussten Ebene des Begreifens. Dabei geht es nicht primär darum sein eigenes Tun zu verstehen und damit zu erläutern, sondern selbst überrascht zu werden von dem was sich in den eigenen Bildern an Bedeutungen zeigt. Diese Einsicht findet sich nicht nur in der Kunst wieder. Selbst in der Naturwissenschaft findet sich dieses Phänomen wie Albert Einstein es formulierte:

 

„Der Verstand spielt auf dem Weg der Entdeckung nur eine untergeordnete Rolle. Es findet ein Sprung im Bewusstsein statt, nennen Sie es Intuition oder was Sie wollen und die Lösung kommt zu Ihnen und Sie wissen nicht wie und warum.“

 

Lösungen für unser Handeln entspringen vielmehr aus der Welt der Fantasie, wie es Einstein immer wieder zitierte, als aus dem Verstandeswissen. In diesem unerschöpflichen Reichtum der inneren Erfahrungen und Bilder liegt uns ein Potential zur Verfügung, aus dem wir immer wieder neue Möglichkeiten für unser Handeln entnehmen können. Dieser Vorgang geschieht oft unbewusst und überraschend. Stellt sich aber in der anschließenden Betrachtung als richtig und standhaft dar. Gerade der künstlerische Prozess zeichnet sich dadurch aus, dass er immer wieder aus etwas Gegebenen Neues und Überraschendes schafft. Dabei bedient sich der Künstler der eigenen Imaginationen – und lässt sich von all dem, was von außen auf ihn zukommt ständig inspirieren.

Imagination und Inspiration als Voraussetzung für
Intuitives Handeln

Imaginationen (aus dem lateinischen = Imago –Bild, Einbilden, Vorstellen) und Inspiration (aus dem lateinischen = Inspiration – Einhauchen, Einatmen) begleiten uns täglich und bedingen sich gegenseitig. Zum einen beliefern die durch die äußere Wahrnehmung erzeugten Inspirationen die eigene Welt der Imaginationen und damit auch der Phantasie. Zum anderen fordert die innere Phantasie äußere Inspirationen, um sich an ihnen zu bereichern. Dieses ständige Wechselspiel von Inspiration und Imagination fördert die künstlerische Ideenfindung. Bildideen, Manuskripte oder Kompositionsskizzen entstehen immer auch in einem interaktiven Spannungsfeld von Eindruck und Ausdruck, zwischen realen Wahrnehmungsgegenständen und traumhaften Bildern.

 

Das, was Kirkeby in seinem Malprozess beschreibt (siehe vorherigen Text zum Thema Intuition Blogbeitrag vom 11. Dez. 2019), ist nichts anderes als ein ständiges Rotieren und Navigieren zwischen imaginierender und inspirierender Tätigkeit. Die Kontrolle, so beschreibt er es eindrucksvoll, liegt nicht allein in seiner Hand. Das Bild ist wie die Natur ständig dabei, sich zu verändern und zu wachsen. Wesentlich erscheint es dabei, dem inneren und äußeren Wachstumsprozess des Bildes zu gehorchen. Es ist eine Herausforderung nicht zu wissen wohin sich das Bild nun entwickelt. Wird es grün? Wird es grau? Wie zeigt sich schlussendlich die Komposition und der gesamte Bildaufbau? Unruhig? Oder gelassen?

Das Bild entsteht aus sich selbst als ein autopoetischer (selbstschöpfender) Vorgang zwischen Finden und Verlieren, zwischen Formulieren und Dekonstruieren. Der Maler hat aufmerksam zu sein, zu beobachten, sich anregen zu lassen und immer wieder die Bereitschaft zu zeigen, das Bild neu zu konstruieren und neu zu denken.

 

Inspirieren können wir uns an allen Orten und zu jeder Zeit. Unsere Umgebung bietet uns ein reichhaltiges Angebot an sinnlichen Erfahrungen an. Gerade jetzt im Frühling wo die Natur aufbricht und sich entfaltet. Gerüche, Töne und neue Seh- und Tasterfahrungen sensibilisieren unsere Wahrnehmung und regen gleichzeitig unsere Phantasie an. Die äußeren Sinnesanregungen aktivieren unsere inneren Bilder. Wesentlich ist dabei, offen und wach durch die Natur zu gehen. Seine Aufmerksamkeit dem Spiel von Bewegungen, Licht und Farben, Geräuschen und Stimmungen zu widmen. Dabei geht es auch darum, seinen „Kopf auszuschalten“ um in der Wahrnehmung ganz präsent zu sein.

 

Imagination und Inspiration sind die besten Voraussetzungen für intuitives Handeln. Ein intuitives Handeln entspringt aus der Interaktion zwischen beiden Qualitäten. Dafür braucht es aber immer wieder eine unbedarfte und neugierige Haltung.

 

Diese Offenheit für neue Erfahrungsmöglichkeiten ist die Grundlage jeder schöpferischen Tätigkeit. Es ist eine ‚kindlichen Haltung‘, die sich der Welt der Ereignisse unvoreingenommen hingibt. Nur so lernen wir, Situationen im Leben wach zu begegnen und intuitiv zu meistern. Das Loslassen birgt immer auch ein Gehaltensein in sich. Ein dialektischer Zusammenhang, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie wichtig für intuitives Handeln das Spannungsfeld zwischen Unberechenbarkeit und Erfahrungswissen ist. Die Herausforderung, die sich daraus ergibt, ist nicht die Beherrschbarkeit dieser Spannung, sondern die innere und äußere Einstellung und Bereitschaft, sich auf dieses Spannungsverhältnis einzulassen. Jede Kontrollfunktion würde am Ende ein intuitives Handeln unmöglich machen. Um intuitiv entscheiden zu können bedarf es eher eines Kontrollverlusts. Sobald ich über mein Handeln und mögliche Lösungsansätze nachdenke, befinde ich mich in einem Urteilsmodus und beginne, von außen die nächsten Handlungsschritte zu planen. Befinde ich mich aber in einem Spannungsverhältnis von Unberechenbarkeit und Erfahrungswissen, ergibt sich die Lösung aus der Handlung selbst heraus. Genau diesen handlungsimmanenten Entscheidungsprozess gilt es immer wieder zu üben, indem ich mich von meiner Umgebung inspirieren lasse und gleichzeitig die Fantasie als Vorstellungskraft für meine Handlungsentscheidungen nutze.

 

Übungsvorschläge für eine erweiterte Wahrnehmung (Inspiration) und inneren Vorstellung (Imagination)

 

Suchen Sie sich einen Ort in der Natur. Es kann auch in ihrem Garten sein. Wichtig ist, dass sie ungestört für 20 Minuten diesen Ort wahrnehmen können. Nehmen sie sich einen Skizzenblock (am besten Dina 3) und einen Grafitstift. Suchen sie ein Naturmotiv was möglichst nah vor Ihnen liegt und beginnen sie dieses Motiv zu skizzieren, ohne den Stift beim Zeichnen abzusetzen. Schließen Sie immer wieder während des Zeichnens für 1 Minute ihre Augen. Imaginieren Sie dann Ihr Motiv in Ihrer Vorstellung und zeichnen Sie blind weiter. Nehmen Sie sich für eine Zeichnung ca. 10 Minuten Zeit. 

 

Denken Sie daran, dass nicht die äußere Genauigkeit, noch das sichtbare Ergebnis dabei im Vordergrund steht, sondern der Prozess der Wahrnehmung und der freien zeichnerischen Gestaltung. Konzentrieren Sie sich auf die Bewegung des Stiftes.

 

Hier noch einige Literaturhinweise zum Thema Inspiration und Imagination

 

„Der Duft meiner Kindheit“ von Philippe Claudel, rororo Verlag

Eine Lebensgeschichte in dreiundsechzig Düften. Wunderbar leicht zu lesen und absolut sinnlich.

 

„Resonanz“ von Hartmut Rosa, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft

Eine Abhandlung über das Thema Resonanz und Weltbeziehung. Sehr aktuell!

 

„Die Macht der inneren Bilder“ von Gerald Hüther, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag

Eine kurze Exkursion in die Neurowissenschaft. Wie innere Bilder unser Handeln bestimmen.

 

 

In einer der nächsten Ausgaben unseres Newsletters werde ich das Thema „Intuition“ von einer weiteren praktischen Seite her betrachten. Wie bedeutsam sind Prozesse der Improvisation und Intervention für das künstlerische Arbeiten?

Thomas Egelkamp, Dozent und Künstler