„Intuition im künstlerischen Prozess“

Ein Beitrag von Thomas Egelkamp

Intuitiv künstlerisch handeln

Intuitives Handeln ist oft irrational. Es bedient sich einer Logik, die nicht im Verstand ihren Ursprung hat, sondern in einer spontanen, situativen Handlung. Diese handlungsorientierten Entscheidungen entstehen aus einer offenen Haltung heraus, Lösungen nicht in den gewohnten Verhaltensweisen und -mustern zu suchen, sondern im noch Unbekannten die Lösung immer wieder neu zu finden. Gerade in der Kunst wird intuitives Handeln zum wesentlichen Baustein für Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse.

 

Der Blick auf Intuition muss weniger auf das Verstehen von logischen Zusammenhängen und Ableitungen gerichtet werden, als auf die Einsicht, dass intuitives Handeln ein prozessualer und dialogischer Vorgang zwischen Subjekt (Handelndem) und Objekt (Handlungsgegenstand) ist.

 

Künstler handeln in erster Linie situativ und dadurch intuitiv. Ihre Handlungsentscheidungen entstehen aus einem unmittelbaren dialogischen Prozess heraus, in dem Subjekt und Objekt ständig miteinander interagieren. Der dänische Maler Per Kirkeby beschreibt es in einem Filmbeitrag treffend:

Überall an jedem Punkt muss man eine Entscheidung treffen – aber das macht ein Maler sowieso. Man nimmt einen Pinsel und setzt ihn auf die Leinwand und bewegt ihn oder nicht – das ist Entscheidung! (Kirkeby 2008)

Intuitives Handeln ist selbst reflektives Handeln in dem Sinne, dass das Gestalten mit der Wahrnehmung eine Gleichzeitigkeit erfährt. Wahrnehmende Gestaltung fordert eine erhöhte Aufmerksamkeit und Wachheit. Die unmittelbare Begegnung des Künstlers mit seiner eigenen Persönlichkeit im Schaffensprozess ist eine Präsenzerfahrung, die zu mehr Selbstbewusstheit führt. Diese Erfahrung der Präsenz unterscheidet sich grundsätzlich von einer rationalen Form der Selbstreflektion, denn künstlerische Erfahrung entzieht sich logischer Beweisführung. Der einzige Beweis, der am Ende steht, ist die innere Gewissheit „richtig gehandelt zu haben“.

 

Lässt sich „intuitives Handeln“ üben? Ist es möglich, sich in einen Zustand innerer Bereitschaft zu versetzen, aus der intuitives Entscheiden wirken kann?

 

Aus der Sicht des Künstlers ist die intuitive Fähigkeit weniger eine Frage der Kompetenzaneignung als eher eine Frage der eigenen Performanz.

Je öfter ich mich auf unsichere und offene Prozesse einlasse, je stärker ich mich auf meine Wahrnehmung gestalterisch konzentriere und in meinem Arbeitsprozess immer wieder improvisiere, neu finde und wieder verliere, ja zerstöre und dekonstruiere, beginne ich, performativ an den Herausforderungen zu wachsen.

So wie ein Schauspieler immer wieder das ‚Fallen‘ üben muss, um dann im richtigen Augenblick bereit sein zu können ‚loszulassen‘ – oder die Musikerin die Partitur tausendmal herunterspielt, um dann wie ‚taub‘ den richtigen Ton treffen zu können, liegt in der Wiederholung der Aktion genau der Erfahrungsschatz, der sich dann in einer unvorhersehbaren Situation als die ‚richtige‘ Entscheidung herausstellt.

Ich spreche nicht von einer Automatisierung von Handlungen, sondern von einer performativen Beweglichkeit des Handelns, aus der immer wieder situativ neue Handlungsoptionen entstehen. Intuition ist nicht zu verwechseln mit Kondition. Künstler schaffen in erster Linie transformativ und bilden in jeder Handlungsaktion neue Möglichkeiten aus. Auch wenn es im ersten Augenblick dem Betrachter so erscheint, als wenn der Künstler sich in seinem Ausdruck immer wiederholt, so ist im zweiten Hinschauen die Differenz und damit die Originalität seines Handelns sichtbar. Ein Kunstwerk zeichnet sich dadurch aus, dass es einmalig und damit authentisch ist, sonst wäre es ein Plagiat.

 

Intuition ist erlernbar – nicht im Sinne einer Aneignung von Kompetenzen, sondern als eine ständige Aneignung von performativen Erfahrungen.

 

Die Bereitschaft mich immer wieder auf ästhetische und dialogisch/ kommunikative Prozesse einzulassen ohne das Ziel bestimmen zu wollen oder ein funktionales Produkt erzeugen zu müssen, führt zu einer inneren Haltung, die sich den vielfältigen Handlungsmöglichkeiten öffnet. Ich kann nur da intuitiv handeln und entscheiden, wo ich offen bin für einen unmittelbaren Dialog zwischen dem, was auf mich zukommt (Herausforderungen) und dem, was sich in mir an Möglichkeiten befindet (Potentiale).

 

Intuitives Handeln findet dort statt, wo die innere Bereitschaft besteht, die eigenen Erfahrungspotentiale mit neuen Ereignissen zu konfrontieren. Es bedarf also immer eines gewissen Risikos und Mutes, sich auf sein intuitives Empfinden einzulassen. Wer nicht das Risiko des möglichen Scheiterns in Betracht zieht, wird immer die ihm bekannte und einfachste Lösung wählen. Die Handlung wird dann entweder von einer Routine bestimmt oder erst nach langen Abwägungen und Berechnungen erfolgen.

 

Mehr zu dem Thema finden Sie in einer Veröffentlichung die im Rahmen eines Symposiums über „Intuitives Handeln“ im März 2019 an der Universität Witten Herdecke erstellt wurde und Anfang 2020 erscheint. Hier ist auch der komplette Text von Thomas Egelkamp zu finden. Im nächsten Newsletter wird die Kolumne zu dem Thema fortgesetzt.

 

Siehe auch Vortrag zum Thema „Intuition“ von Thomas Egelkamp im arte fact am Samstag,

den 12. Dezember 2020 um 18.30 Uhr in der Heerstraße 84.